Wesentlichkeitsmatrix

Nachhaltigkeit: Was ist eigentlich eine Wesentlichkeitsmatrix und wie hilft diese bei der strategischen Steuerung?

Zugegeben nicht jeder hat sich die letzten Jahre die Berichterstattung großer Unternehmen angesehen, oder? 

Ein Blick in diese lohnt sich aber nicht nur für interessierte Experten, sondern bietet immer wieder einen Fundus an interessanten Einblicken und Methodiken. Eine solche Methodik ist die Wesentlichkeitsmatrix (oder auch Materiality Matrix), bzw. Wesentlichkeitsanalyse die häufig im Rahmen der Nachhaltigkeits-Berichterstattung gezeigt wird und ein strategisches Steuerungsinstrument darstellt.

Inhaltsverzeichnis

1. Was ist eine Wesentlichkeitsanalyse und Wesentlichkeitsmatrix?

Auf den Punkt gebracht, wird im Rahmen der Wesentlichkeitsanalyse in einer Wesentlichkeitsmatrix gemessen, welche Themen für die nachhaltige Unternehmensentwicklung relevant sind. Hierbei wird einmal der Blick der Unternehmens-Stakeholder eingenommen und einmal der Blick des Unternehmens mit Fokus auf den Unternehmenserfolg selbst.

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2. Wo finde ich die Wesentlichkeitsmatrix?

Oft wird die Wesentlichkeitsanalyse in der Ausprägung der Wesentlichkeits-/ Materiality-Matrix in den nichtfinanziellen Teil des Geschäftsberichts gezeigt. Vermehrt sieht man auch eigene Nachhaltigkeitsberichte, die von den Unternehmen veröffentlicht werden (siehe Deutsche Bank(PDF, ab S.23), VW(PDF), Siemens(PDF)) oder Deutsche Telekom.

Es gibt aber auch Unternehmen, die das Thema prominent in den Vordergrund stellen. Als ein solches positives Beispiel kann man SAP erwähnen (siehe hier), das wir hier auch als Beispiel verwenden möchten und die sich auch als Vorlage für die Erstellung einer eigenen Wesentlichkeitsmatrix eignet.

3. Wieso wird die Wesentlichkeitsmatrix im Rahmen der Nachhaltigkeit definiert?

Obwohl sich eine Wesentlichkeitsmatrix auch als generelles strategisches Steuerungsinstrument eignet, wird sie doch in der Regel mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung verwendet. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass die Definition der Wesentlichkeitsanalyse bzw. Wesentlichkeitsmatrix zurück geht auf die Global Reporting Initiative (GRI). Diese hat es sich zum Ziel gesetzt Unternehmensstandards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu setzen.

In den „GRI G4 guidelines“, heisst es: „Wesentlich sind solche Themen, die einen direkten oder indirekten Einfluss auf die Fähigkeit einer Organisation haben, wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Wert für sich selbst, ihre Stakeholder und die Gesellschaft insgesamt zu schaffen, zu bewahren oder zu mindern“.

Weitere Nachhaltigkeitsziele ergeben sich aus den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals):

Sustainability Goals

Auch an diesen Zielen messen sich viele Unternehmen und verwenden die gezeigten Icons in ihren Berichten.

(Sehr interessant sind in Hinblick auf die Umsetzung dieser Ziele,  die dokumentierten Nachhaltigkeits-Projekte der vereinten Nationen).

4. Die Wesentlichkeitsanalyse bzw. Wesentlichkeitsmatrix anhand des Beispiels SAP

4.1 Wie sieht eine Wesentlichkeitsanalyse bzw. Wesentlichkeitsmatrix nun in der Praxis aus?

Wir beziehen uns hier zur Verdeutlichung auf das Beispiel der Wesentlichkeitsanalyse der SAP AG aus dem Jahr 2020. Wo es Unterschiede gibt, zeigen wir auch die Matrizes anderer Unternehmen.

Materiality Matrix

Die Wesentlichkeits-/ Materiality-Matrix besteht aus der x-Achse, die Unternehmensanalyse, also die Auswirkung auf den Unternehmenserfolg (interne Analyse) und der y-Achse, die die Relevanz für die Stakeholder des Unternehmens (externe Analyse) misst.

Die relevanten Themen des Umfelds in dem sich das Unternehmen bewegt, werden mit ihrem Einfluss in den farbigen Kreisen dargestellt. Die Einsortierung erfolgt jeweils nach dem Grad der Auswirkungen auf das Unternehmen bzw. den Stakeholdern – von gering zu hoch. Einige Unternehmen zeigen auch nur den relevanten Teil, so bei der BASF (hoch zu sehr hoch) oder der Deutschen Telekom, die eine Voreinordnung zeigen:

Beispiel BASF (2019)

Materiality Matrix 2019

Beispiel Deutsche Telekom (2020)

DTAG Wesentlichkeitsmatrix
DTAG Materialitr Matrix

4.2 x-Achse: die Relevanz für das Unternehmen

Auf der x-Achse wird beurteilt welche Relevanz einzelne Themen für das Unternehmen hat. In der Regel wird hier die finanzielle Performance angenommen.

Der andere Blickwinkel - Wesentlichkeit als strategisches Steuerungsinstrument

Als strategisches Instrument kann man die Wesentlichkeitsmatrix jedoch auch ganz bewusst für andere Blickwinkel nutzen.

Je nachdem auf welchen Bereich man seinen Fokus richten möchte. Die Bewertung nach Relevanz von niedrig zu hoch könnte dann separiert betrachtet werden für:

Interne Faktoren des Geschäftsmodells

  • Lieferfähigkeit
  • Preisgestaltung
  • Skalierung
  • Kapazität

Finanzielle Performance Indikatoren

  • Umsatz
  • Ergebniskennzahlen (EBIT, Jahresüberschuss)
  • Wachstumsraten
  • Sonstige KPIs

Organisations-Bereichen:

  • Produktion
  • Distribution
  • Vertrieb
  • Personal
  • Finance

Als Beispiel: Welche Auswirkungen hat eine Unterbrechung der Lieferkette für das Unternehmen? Sicherlich eine Frage, die für ein Produktions- und Handelsunternehmen anders ins Gewicht fällt als für ein Dienstleistungsunternehmen.

4.2 y-Achse: die Relevanz für die Stakeholder

Als Stakeholder werden Interessengruppen verstanden, die aufgrund ihrer Verbindung zum Unternehmen ein bestimmtes Interesse haben. Vor allem ein Informations- aber auch Verhaltensinteresse. Stakeholder können entweder interne oder externe Interessengruppen sein.

Unternehmens-Stakeholder

4.3 Wie ermittelt man nun aber für die Wesentlichkeitsanalyse bzw. Wesentlichkeitsmatrix, was für diese Stakeholder wichtig ist?

Aufgrund der großen Anzahl von Stakeholdern muss man unweigerlich zu Hilfsmitteln greifen. Während man bei den internen Stakeholdern ggf. noch auf Mitarbeiterbefragungen oder Hauptversammlungsbeschlüssen zurückgreifen kann, wird es bei externen Stakeholdern zunehmend schwieriger. SAP hat sich hierbei bei externen Quellen bedient:

„Dazu zählten: Unternehmensberichte vergleichbarer Unternehmen, gesetzliche Vorschriften und Selbstverpflichtungen in der Softwarebranche, Online-Nachrichten zum Technologie- und Dienstleistungssektor, Beiträge auf Twitter und Fragebögen zu nichtfinanziellen Themen von Socially Responsible Investors (SRIs) und Kunden.“

Beispiel Deutsche Bank 2020

Die Deutsche Bank widmet sich unter dem Kapital „Austausch mit Interessengruppen“ den Stakeholdern und erläutert exemplarisch, wie sie zu ihrer Einschätzung kommt. Hierbei verwendet sie auch Mitarbeiter- und Kundenbefragungen:

Wesentlichkeit_Stakeholder
Wesentlichkeit_Stakeholder
Wesentlichkeit_Stakeholder

Grundsätzlich lässt sich also festhalten, dass es kein allgemeingültiges und festgeschriebenes Vorgehen gibt. Trotzdem sollte die Methodik der Bewertung nachvollziehbar und auch für Folgejahre stetig sein.

4.4 Die relevanten Themen für das Unternehmen

Beginnen wir mit den nummerierten Kreisen. Welche Themen sind für ein Unternehmen relevant und wie ermittelt man diese? Der GRI gibt hierzu ein wenig Hilfestellung (GRI-101 1.3):

„Eine Organisation wird mit einer Vielzahl unterschiedlicher Themen konfrontiert, über die sie berichten kann. Relevante Themen, die möglicherweise eine Aufnahme in den Bericht verdienen, sind solche Themen, bei denen nach vernünftigem Ermessen davon ausgegangen werden kann, dass sie für eine Darstellung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Auswirkungen einer Organisation von Bedeutung sind oder einen Einfluss auf die Entscheidungen von Stakeholdern ausüben. In diesem Kontext bezeichnet eine „Auswirkung“ den Effekt einer Organisation auf die Wirtschaft, die Umwelt und/oder die Gesellschaft (sowohl in positiver wie negativer Hinsicht). Ein Thema kann auch auf Basis von nur einer dieser genannten Dimensionen relevant – und somit potenziell wesentlich sein.“

In unserem Beispiel der SAP (und auch bei der BASF 2019) waren dies 100 Themen, die am Ende mit Hilfe einer Big Data -Analyse zur Risikobewertung (Anbieter: Datamaran) des Ermessens abgewogen wurden. Am Ende verblieben die folgenden 23 Themen:

Nachhaltigkeitsthemen

Wenn man sich die Wesentlichkeitsmatrix anschaut, wird schnell klar, dass Innovation, Finanzstabilität und Datensicherheit ein zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells der SAP ist. So würde eine mangelnde Datensicherheit das Vertrauen der Stakeholder in die Software negativ beeinflussen und somit am Ende auch das Geschäftsmodell der SAP gefährden.

Wohingegen Biodiversität zwar ein, für das Überleben der Menschheit, bedeutendes Thema sein kann. Für das Geschäftsmodell der SAP hat diese jedoch eher eine geringe Bedeutung.

5. Wieso auchmittelständische Unternehmen eine Wesentlichkeitsmatrix erstellen sollten.

Die Antwort ist eigentlich recht naheliegend. Wer eine Wesentlichkeitsanalyse durchführt und eine Wesentlichkeitsmatrix aufstellt, der beschäftigt sich ganz bewusst mit internen und externen Risiken und Chancen der eigenen Unternehmensorganisation.

Der Blick nach Innen

Es rücken Risiken in den Blickpunkt, die man ansonsten ggf. nie hinterfragt hätte.

Beispiel:

Datensicherheit wird für einen Software-Anbieter als gegeben angenommen, aber große Hacks zeigen immer wieder, wie fragil das Geschäftsmodell sein kann.

Bis dahin, dass das (Kunden-)Vertrauen soweit verbraucht wird, dass das gesamte Geschäftsmodell implodiert.

Mitarbeiterengagement gehört zum guten Ton, aber wird dieses auch gemessen und wenn ja, was sind die Kriterien? Ist man sich bewusst, dass das Mitarbeiterengagement eine hohe Geschäftsrelevanz besitzt?

Der Fokus richtet sich auch nach außen.

Wer die Relevanz betrieblicher Themen für seine Stakeholder hinterfragt, der richtet seinen Blick ganz bewusst nach außen und ist damit in der Lage auf Missstände und eine verändernde Umwelt zu reagieren.

Einhaltung von Arbeitsschutz mag im eigenen Unternehmen selbstverständlich sein, aber was ist mit dem Lieferanten aus China oder Bangladesh? Was wenn ein Fernsehbericht eventuelle Missstände mit dem eigenen Unternehmen als Abnehmer in Verbindung bringen sollte und Kunden daraufhin das Unternehmen meiden? Der Blick außerhalb des Unternehmens sensibilisiert für solche Gefahren.

Themen erkennen, bevor sie akut werden.

Sich relevante Risiken und Chancen für das eigene Geschäftsmodell bewusst zu machen, ist der erste Schritt, um auf eine geänderte Umwelt zu reagieren. Hier liefern die großen Automobilhersteller ein gutes Beispiel. Während lange Zeit die Dekarbonisierung und Elektromobilität als gesellschaftliche Themen ignoriert wurden, findet man sich nun im Hintertreffen und muss Boden gut machen, um das Geschäftsmodell zu erhalten.

Gleiches gilt für Fluggesellschaften, die sich einer breiten gesellschaftlichen Diskussion zum Thema „CO2-Footprint“ und mit einer „Fridays for future“-Bewegung konfrontiert sehen.

Wer diese Nachhaltigkeitsthemen ignoriert, kann sich selbst irgendwann in einer ähnlichen Lage wiederfinden. Die Wesentlichkeitsmatrix ist ein erster guter Schritt in die Analyse Themen zu identifizieren, bevor diese zur akuten Gefahr werden.

Vorreiter werden!

Den Blick auf die Stakeholder zu richten, lohnt sich auch bei der Identifikation neuer Geschäftsmodelle oder der Neuausrichtung der Unternehmens-Marke. Unternehmen die nachhaltig handeln sind für alle Stakeholder attraktiver. Dies kann sich auch lohnen, was zahlreiche Beispiele zeigen. Allen voran Unternehmen, die solche Veränderungen schnell antizipieren und Ihr Geschäftsmodell darauf ausrichten (Starbucks, Tesla, BeyondMeat, etc.)

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